FUFFI.de - Newsletter
01.04.2003: Surrende Hornisse
Die Vespa, Italiens Roller-Ikone seit 57 Jahren, erscheint in Neuauflage. Sie plärrt nicht mehr, stinkt nicht mehr und bleibt ansonsten so praktisch wie gehabt.

Ein Kultmodell, sagt Giancarlo Binetti, Chef der Zweiradsparte beim Vespa-Produzenten Piaggio, "ist immer eine Chance und immer ein Problem". Letzteres vor allem für die Designer. Acht Prototypen für ein neues Modell präsentierten die Zeichner in Pontedera bei Pisa dem Vorstand. Alle acht landeten im Müll. "Es waren keine authentischen Wespen", sagt Binetti. Vor drei Jahren begann die Arbeit neu auf einem leeren Blatt. Binetti: "Da haben wir ins Schwarze getroffen." Es folgten "lange aerodynamische Studien" und der Serienstart. Nun steht sie beim Händler. Die neue Vespa Granturismo, zu Preisen ab 3699 Euro. Was immer die toskanischen Luftströmungsforscher bei der Entwicklung an Erkenntnissen gewannen - verändert haben sie nur wenig. Vespa bleibt Vespa. Das neue Modell ist von seinen Vorgängern kaum zu unterscheiden.

Vor 57 Jahren brachte der Flugzeug- und Hubschrauber-Hersteller Piaggio das erste Exemplar heraus. Das Rüstungsembargo der Siegermächte zwang zur Abkehr von der Luftfahrt. Konstrukteur Corradino D'Ascanio, den Landfahrzeuge nie sonderlich interessiert hatten, entwarf die Vespa als Anti-Motorrad nicht sportlich, dafür praktisch. Ohne die lästige Antriebskette, dafür mit Stauraum für Kartoffelsäcke und Schutzschild für die Beine, passte seine Erfindung perfekt als Lasten-Eselin in die Trümmerzeit. Die vordere Radaufhängung mit einseitigem Stabilisator und Federbein blieb als Reminiszenz an den Flugzeugbau erhalten - bis heute.

Der Legende nach sagte Firmenchef Enrico Piaggio 1946 beim Anblick des Gefährts "Sieht aus wie'ne Wespe." Und bei dem Namen (italienisch: "Vespa") blieb es dann. Die später folgende Dreirad-Schese von Piaggio wurde folgerichtig Biene ("Ape'') genannt.

Die Wespe verwandelte sich vom motorisierten Sackkarren zum urbanen Kultgefährt Filmdiven vespten auf der Leinwand. Die Nachkriegsjugend entdeckte den Roller als preiswertes Spaßmobil. Vespa wurde Gattungsbegriff, und Piaggio hatte praktisch eine Monopolstellung. Die vereinzelten Konkurrenten, etwa Heinkel oder Lambretta, erreichten nicht annähernd die Stückzahlen und verschwanden bald wieder vom Markt. So war Piaggio bald der größte Motorradhersteller Europas. Anfang der Achtziger erreichte die Jahresproduktion einen Spitzenwert von 900 000 Stück. Dann wurden die Zeiten härter. Japanische Motorradkonzerne, allen voran Honda und Yamaha, drängten in den Rollermarkt, der in jüngster Zeit auch noch dramatisch schrumpfte. Ende der Neunziger wurden in 1 Europa jährlich etwa 1,7 Millionen neue Motorroller zugelassen. Inzwischen sind es noch 1,3 Millionen.

Neben der allgemeinen Wirtschaftskrise erschwert in Deutschland vor allem die strengere und bürokratische Führerscheinregelung den Verkauf. Die beliebte Hubraumklasse mit 125 Kubikzentimetem (Spitzentempo über 100 km/h) darf in vielen Ländern auch mit dem Autoführerschein gefahren werden - hier zu Lande allerdings nur, wenn dieser vor dem 1. April 1980 gemacht wurde. Junge Interessenten ohne Motorradführerschein werden somit ausgegrenzt. Heute verkauft Piaggio noch 360 000 Roller pro Jahr, hält damit einen Marktanteil von 27,5 Prozent und schreibt rote Zahlen. Die nostalgischen Vespa-Modelle machen etwa ein Siebtel der Produktion aus, die vorwiegend aus moderneren Plastikrollern nach japanischem Zuschnitt besteht.

Roller mit dem Namen Vespa hingegen haben eine Karosserie aus gepresstem Stahlblech. Sie sind deshalb robuster und wertbeständiger als die sonst üblichen Konstruktionen mit Rohrrahmen und Kunststoffbeplankung - allerdings auch etwa
zehn Prozent teurer. Drei Varianten bilden künftig die Modellpalette: Die Moped-Version mit 50-Kubikzentimeter-Motor und die ganz nostalgische Vespa PX 125 mit Handschaltung bleiben weiter im Programm; das neue Granturismo-Modell deckt mit 125 und 200 Kubikzentimetern Hubraum die obere Leistungsklasse ab, entspricht also schon eher einer Hornisse.

In der stärksten Version mit 20 PS erreicht die neue Vespa ein Spitzentempo von 120 km/h. Unter der Sitzbank befindet sich zunächst eine Ablagemulde für zwei Jet-Helme und darunter hinreichend moderne Antriebstechnik. Statt plärrender und stinkender Zweitaktmaschinen, mit denen die Urwespen Millionen von Stadtbewohnern plagten, verbaut Piaggio inzwischen verhältnismäßig leise und saubere Viertakter. Der Motor im Gesäß der neuen Vespa Granturismo verfügt nun erstmals sogar über Vierventiltechnik, mit der die Leistung gesteigert wurde, sowie eine Wasserkühlung. Letztere verbessert die Standfestigkeit und senkt das Geräuschniveau. Kaum hörbar surrt die neue Wespe.

So bleibt nur ein einziges akustisches Erkennungszeichen: die Vespa-Hupe. Sie quäkt blechern wie eh und je.

CHRISTIAN WÜST / DER SPIEGEL 14/2003

« zurück

top